Das Virus mit der Krone

Ein Text von Ayya Sucinta

 

 

Das Corona-Virus scheint die Menschheit derzeit zu beherrschen. Winzige organische Strukturen – für menschliche Augen ohne Hilfsmittel unsichtbar und kaum als „Lebewesen“ zu betrachten -  setzen uns deutliche Beschränkungen, weisen uns Menschen auf unsere Abhängigkeit und unsere Grenzen hin. Selbst moderne Technologie wie Beatmungsgeräte auf Intensivstationen kann sowohl quantitativ wie qualitativ nicht jedes bedrohte Menschenleben retten. Wie sich das neue Virus in menschlichen Körpern einnistet und verbreitet, ist bedrohend und demütigend zugleich. Es führt uns ganz klar vor Augen: Wir Menschen haben die Dinge auch heute nicht im Griff…!

 

Um die Herrschaft des Virus zu brechen, seine Verbreitung zu erschweren, müssen wir nun zwangsläufig körperlich auseinanderrücken. Doch dieser Abstand muss nicht zwangsläufig zur sozialen Distanz führen, nicht den Verlust von Wohlwollen und Mitgefühl bedeuten, auch   Mitfreude und Gleichmut werden in vielen Situationen angemessen und hilfreich sein. Zumindest im Monat April können wir uns nicht im Kloster oder in Dharmazentren treffen, Kirchen und andere religiöse Einrichtungen sind vielfach geschlossen. Doch dies bedeutet nicht, dass es für uns keine Zuflucht mehr gäbe. Gerade in Krisenzeiten kann der Dhamma/Dharma uns helfen, Orientierung und Schutz geben, und die Übung in Ethik, Mitgefühl, Geduld, Achtsamkeit und Sammlung geht weiter, ob wir ans Haus gebunden sind, auf einer Krankenstation, in einem Pflegeheim oder in einem Supermarkt arbeiten, wo auch immer. Der Buddha zeigte uns einen Weg aus dem Leid heraus, und Dhamma schützt auch heute noch diejenigen, die ihn schützen.

 

Als Nakulapita alt und schwer krank war, ermahnte ihn der Buddha, es zuzulassen, zu akzeptieren, dass sein Körper unabdingbar alt, schwach und krank war. Doch das – selbst sozusagen der „worst case“ - sei kein Grund, so der Buddha, den GEIST krank sein zu lassen. Mag unser Körper „eingesperrt“ sein bzw. mag es sich so anfühlen, der Geist muss nicht zwangsläufig darunter leiden, er kann dennoch frei sein. Es liegt an uns, was wir aus der gegenwärtigen Situation machen, auch wenn keiner von uns sie herbeigewünscht hat. Wir können sehen: Wie komme ich mit mir alleine zurecht? Oder: Wie geht es, wenn ich fast ständig und ausschließlich mit den allernächsten Angehörigen zusammen bin? Was sind die Schwierigkeiten und Chancen des „Abstandes“, der Abgeschiedenheit? Was sind die Chancen, wenn uns begehrte Dinge zur Befriedigung von Bedürfnissen oder zum Vergnügen nicht so einfach oder gar nicht zur Verfügung stehen? Müssen wir uns immer ablenken, müssen wir immer davonlaufen oder davonfliegen? Was steht hinter meinen Ängsten und Befürchtungen?

 

Kaum eine Gesellschaft war vermutlich so sehr dem Materiellen verhaftet, den Dingen, die unsere Sinne befriedigen und unserem Komfort dienen, wie die gegenwärtige. Gewiss, wir sind als Menschen auf den möglichst gut funktionierenden Körper angewiesen, auf Nahrung, Luft, Wasser etc., aber der Sinn für das, was im Leben wirklich zählt, ist vielen heutigen Menschen verloren gegangen. Das Corona-Virus hat nun für einen Stopp des Hamsterrades gesorgt. Unser Alltag ändert sich in vieler Hinsicht.

 

Krisen bringen Verunsicherung, Angst, Verwirrung, aber sie ermöglichen auch Neuorientierung und einen Neuanfang. In der Krise müssen wir Vertrautes loslassen, für viele Menschen entstehen unvorstellbare Härten, schwere Tests. Viele Menschen brauchen in diesen Tagen Beistand verschiedener Art, und es gibt eine weite Palette von Möglichkeiten, Gutes zu tun. Der Geist geht voran, und was wir aus reinen Motiven tun – mit Wohlwollen und Rücksichtnahme, Mitgefühl, Opferbereitschaft und Weisheit -, führt schließlich zum eigenen und zum Glück vieler.

 

Wer in diesen Tagen Gespräche sucht über Dhammafragen, Ermutigung zur Praxis braucht oder Rat in bestimmten Lebenslagen, kann sich weiterhin gerne im Kloster Shide melden. 

 

 

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